BL - 64 Lenkwaffenmuseum Menzingen ZG

Einst streng geheim, heute als Museum zugänglich. Der Schweizer Stolz was Flugabwehrsysteme angeht gingen wir an einem der 6 Tage im Jahr besichtigen. Die einzige, vollständig erhaltene Anlage des Typs Bloodhound weltweit! Auf dem Gubel nahe Menzingen ZG steht die Stellung.

Bloodhound: Flab-Raketen für den oberen Luftraum
Das Abfang-Fliegerabwehr-System BL-64 Bloodhound, 1961 bestellt und 1964 bei der Truppe eingeführt, wurde Ende 1999 ausser Dienst gestellt. Das Waffensystem war zu Beginn der 80er Jahre modernisiert worden und hätte noch weiterhin einsatzbereit bleiben sollen. Die beschlossene Massnahme drängte sich aber nicht zuletzt wegen des wachsenden Spardrucks auf. Sie ist eingebettet in das Optimierungsprogramm Progress für die Armee 95. Die Aufgabe von BL-64 kann heute ausserdem teilweise von den Kampfflugzeugen F/A-18 übernommen werden.

fhm. Erstmals erfolgreich abgeschossen wird eine gelenkte Rakete am 3.10.42 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde der deutschen Wehrmacht. Es ist die V 2, mit der Deutschland die allierten Gegenangriffe «vergelten» will. Seit 1932 hat eine Wissenschafter-Gruppe unter Wernher von Braun an flüssigkeitsgetriebenen Versuchsraketen gearbeitet. Das imposante, 14 m lange und 12 t schwere Projektil ist aber nicht kriegsentscheidend; wichtiger sind unspektakuläre Entwicklungen etwa der Briten im Radar-Bereich. Gleichzeitig arbeiten die Deutschen aber auch an Boden-Luft-Flakraketen, an der grossen «Wasserfall» und an der kleineren «Taifun».

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Alte Technik aus den 60er Jahren. Damals hightech heute schmunzeln wir über die Hohlleiter welche die starken Radarstrahlen umlenken konnten. Koax Kabel wäre nicht möglich gewesen. Unten sichtbar der rund 35 Kilogramm Sprengsatz welcher Stahlstifte bei einer Geschwindigkeit von 2,5 mach freigab.

Verstärkung der terrestrischen Fliegerabwehr in der Schweiz
In der Schweiz beginnen Oerlikon und Contraves 1946 mit der Entwicklung eines Flab-Lenkwaffensystems. In den USA sind 1955 die Boden-Luft-Systeme Nike und Terrier einsatzfähig; die Briten arbeiten an mehreren Boden-Luft-Lenkwaffen.

1958 bildet der Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen eine Arbeitsgruppe Lenkwaffen, welche zusammen mit der Kriegstechnischen Abteilung und anderen Dienststellen die Frage der Flab-Lenkwaffen studiert. Im Vordergrund stehen amerikanische und englische Systeme.

Der Bundesrat legt in seiner Botschaft vom 30.6.60 betreffend die Organisation des Heeres (Truppenordnung) die Notwendigkeit der Anpassung unserer Flab-Mittel an die Anforderungen der modernen Kriegführung dar. Am 14.7.61 folgt die Botschaft betreffend die Verstärkung der terrestrischen Fliegerabwehr.

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Als eines der beiden einzigen beweglichen Teile auf der Rakete, oben sichtbar der Radar.

Bedrohungsanalyse von 1961
Der Bundesrat ist sich darüber im Klaren, dass heute noch kein Mittel existiert, das eine interkontinentale Lenkwaffe im Fluge zu zerstören vermag. Auch die Bekämpfung von Lenkwaffen mittlerer Reichweite ist kaum möglich. Dagegen dürften ihre Abschussrampen in vielen Fällen innerhalb des Aktionsbereiches unserer Flugzeuge liegen. Obwohl die Bedeutung der Nuklearwaffen ständig steigt, ist ihr Einsatz in einem bewaffneten Konflikt in Europa nicht mit Sicherheit zu erwarten.

Anderseits sind in einem möglichen Krieg Luftangriffe auf Zentren, Industrieanlagen, Verkehrswege, die Armee selbst und ihre Lager und Einrichtungen wahrscheinlich. Eine Evakuation der Zivilbevölkerung aus den Grossagglomerationen im Mittelland kann nicht verwirklicht werden. Ein Angreifer wird aber Erdoperationen mit Luftangriffen einleiten. Die Zerstörung der Elektrizitätsanlagen würde unser Land der wichtigsten Energiequellen berauben. Angriffe auf Staubecken und Verkehrswege hätten verheerende Folgen. Es ist denkbar, dass ein Konflikt, in den wir verwickelt werden, sich auf einen reinen Luftkrieg beschränkt. Flugwaffe und Fliegerabwehr müssen in der Lage sein, den Luftraum in jeder denkbaren Eskalationsstufe wirksam zu verteidigen. Als Ergänzung kommen passive Massnahmen wie der Luftschutz (=Zivilschutz) hinzu.

Für die militärische Führung vordringlich ist der Schutz der Kampftruppen vor Fliegerangriffen und die Erhaltung des Verkehrsnetzes. Verlangt werden Luftverteidigungsmittel, die rasche Feuerkonzentration ermöglichen und die sich gegenseitig ergänzen. Für Jagdaufgaben sind zurzeit allein die Hunter-Flugzeuge geeignet; sie werden durch Mirage-Verbände abgelöst werden. Die erdgebundene Fliegerabwehr obliegt den vorhandenen Flab-Verbänden. Für die Raumverteidigung sind dies die schweren Flababteilungen. Ihre 7,5-cm-Kanonen haben aber seit ihrer Einführung keine wesentliche Verbesserung erfahren. Sie müssen mit Flablenkwaffen ergänzt werden. Diese können die mit Lenkwaffen oder Bomben ausgerüsteten Angriffsflugzeuge, die in Höhen bis 20’000 m operieren, wirksam bekämpfen.

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Links oben einer der genannten Hohlleiter welcher sogar klimatisiert wurde. Mitte und rechts oben die offene Lenkwaffe welche in Bunkern während 40 Jahren innert 5 Minuten abschussbereit gewesen wären.

Bloodhound und Mittelkaliber-Flab
Der Bundesrat schlägt die Beschaffung des englischen Typs Bloodhound von der British Aircraft Corporation vor. Damit sollen 2 Flab-Lenkwaffenabteilungen zu 2 Batterien ausgerüstet werden. Die Lenkwaffen können Tag und Nacht eingesetzt werden; ihre Einsatzbereitschaft ist nahezu 100 %; ihre Treffwahrscheinlichkeit hängt nicht von den Risiken eines Luftkampfes ab; ihr Einsatz kann von der gleichen Zentrale wie jener der Jagdflugzeuge erfolgen, aber auch bei unterbrochener Verbindung.

Für den mittleren Luftraum schliesslich wird eine elektronisch gesteuerte automatische Kanone mittleren Kalibers zur Beschaffung vorgeschlagen. Die Wahl des Kanonentyps ist noch nicht erfolgt. Am 13.12.61 beschliesst die Bundesversammlung die Beschaffung von Bloodhound (300 Mio Franken) und Mittelkaliber-Flab (247 Mio). Die Kredite werden nicht überschritten und die Beschaffung des Systems BL-64 erfolgt weitgehend pannenfrei. 1964-1968 werden 68 Feuereinheiten mit einer dreifachen Lenkwaffendotation geliefert, die Bauten und Einrichtungen dafür 1963-1967 realisiert. Projektleiter BL-64 ist Brigadier Rudolf Meyer, ab Ende 1964 Brigadier Antoine Triponez; 1963 ist auch Oberst i Gst Hermann Schild dabei.

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Oben die Stromgeneratoren welche für Autonomie der Anlage sorgten. Rechts der Beleuchtungsradar welcher das Ziel dauernd beleuchtete und der Lenkwaffe somit den Weg zeigte.

Bloodhound-Beschaffungsschritte

13.12.61 Zwei Flab-Lenkwaffenabteilungen Bloodhound einschliesslich Ausbildungsmaterial, Zubehör, Ersatzteile und Munition (300 Mio)

26.9.63 Ergänzungskredit für Bauten und Einrichtungen (80 Mio)

1968 Kredit für die Systemüberprüfung (12 Mio)

3.10.74 Lenkwaffen-Einsatzsimulator (5,7 Mio)

5.10.83 Zusätzliche Startraketen Bloodhound (65 Mio)

Die damalige Abteilung für Militärflugplätze baut unter grösster Geheimhaltung sechs Lenkwaffenstellungen. Die unförmigen Bauteile aus England werden nachts auf der Strasse transportiert und in den nun abgesperrten und nur mit Ausweis zugänglichen Zonen aufgebaut. Ein kantonaler Militärdirektor, der «seine» Lenkwaffenstellung besuchen will, wird von italienischen Arbeitern des Geländes verwiesen: er kann keinen der neuen Spezialausweise vorlegen! Unterhalt der Lenkwaffenstellungen, Verwaltung des Materials und Bewachung der Einrichtungen werden vom Amt für Militärflugplätze sichergestellt.


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Im innern des Radars wieder viel alte Elektronik und enge Gänge. Rechts oben die noch in den 80er Jahren erneuerte Schaltzentrale für die Abschussfreigabe und Zielpeilung.

Ausbildung der Truppe
Die Ausbildung des Instruktionspersonal erfolgt 1962 - 1963 in der Schweiz und in England. 1964 findet die erste Rekrutenschule am Flab-Lenkwaffensystem BL-64 statt. Kommandant ist Oberst i Gst Otto Svoboda. Ihm zur Seite stehen die Majore i Gst Hans-Rudolf Schild und Mario Petitpierre, der Hptm i Gst Henri Criblez und die Adj Uof Werner Bissig, Anton Hug, Alfred Kögel und Werner Siebenmann. Geladen werden Manipulierröhren; es sind noch keine scharfen Waffen zu sehen.

1964 wird im Beisein von EMD-Chef Paul Chaudet, Generalstabschef Jakob Annasohn und Divisionär Etienne Primault, Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, die erste Feuereinheit BL-64 übernommen. 1965 beginnt die Umschulung der Schweren Fliegerabwehrabteilungen 40 und 41 auf die neue Waffe. Die Lenkwaffenstellungen LU und AG sind 1966 einsatzbereit. 1967 wird das Flab-Lenkwaffenregiment 7 gebildet, erster Kommandant ist Oberst Svoboda. Es ist aus dem Flab Regiment 4 hervorgegangen. Die operationelle Bereitschaft der Stellungen FR, ZG, ZH und SO folgt 1968.

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Dann ist es soweit. Wir besichtigen die Waffe auf dem Werfer. Gesamtgewicht rund 2,5 Tonnen. Vier Startraketen beschleunigten die Waffe während 4 Sekunden auf über 1,2 mach, danach beschleunigte die Waffe selbstständig auf rund 2,5 mach.

Kontrollschiessen in England
Undenkbar, in unserem dicht besiedelten Gebiet eine Waffe vom Kaliber und von der Reichweite des Bloodhound übungshalber zu verschiessen. Das Funktionieren wird deshalb bei der RAF in Aberporth / Wales überprüft, wo auf ferngesteuerte Flugzeuge gefeuert wird. Brigadier Hans Born wohnt 1971 einem solchen Schiessen bei und berichtet: «Es war ein erhebendes, nicht zu vergessendes Schauspiel ... den Abschuss mit Getöse, Rauch und Feuer, die ungeheure Beschleunigung der Lenkwaffe, den Abwurf der Startraketen, das Verschwinden als Leuchtpunkt im blauen Himmel, nach weniger als einer halben Minute den Treffpunkt auf über 30 km auf das ferngesteuerte, zweistrahlige, unbemannte Flugzeug zu sehen. Ein riesiger Feuerball, herumfliegende, silbern glänzende Flugzeugteile, lassen das Fläblerherz schneller schlagen. Nach wenigen Sekunden zeugen nur noch ins Meer heruntertrudelnde grössere Wrackteile vom gelungenen Abschuss.»

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Einfach ein überwältigender Blick. Man bedenke dass rund 9 Basen à 8 Werfern in der Schweiz installiert wurden um während des kalten Krieges für Sicherheit der Schweizer Lufthoheit zu sorgen.

BL-64 bewährt sich
14 der insgesamt 17 in Aberporth abgefeuerten Lenkwaffen sind Volltreffer. In den grossen Flieger- und Flabmanövern 1972 wird eine technische Zuverlässigkeit von 99 % erreicht. Bei 135 bekämpften Flugzeugen werden 117 simulierteTreffer registriert. Die 18 Misserfolge erklären sich weitgehend durch die zu kurzen Flugstrecken der eigenen Zielflugzeuge wegen der nahen Landesgrenze.

Am Ende der Manöver rollen in Emmen ein Dutzend Ladefahrzeuge mit den imposanten Missilen an einem staunenden Publikum vorbei. Erst 1982 wieder ist das ganze Regiment im Dienst und wird in der Übung Blasius überprüft. In dieser und den weiteren Übungen Avanti, Safari, Supersafari und Blasius 86 wird die rasche Kriegsmobilmachung zur Routine im Flab-Lenkwaffenregiment 7.

Der Kampfwert der Lenkwaffen wird gesteigert: 1984 kann ein Rechner mit grösserer Kapazität beschafft werden, 1987 wird mit dem damit verbundenen Umbau der Stellungen begonnen, Ende 1990 kann die Umschulung der Truppe abgeschlossen werden. Der Einsatz wird an Simulatoren und gegen fliegende eigene Ziele geübt. Die Florida-Einsatzzentrale koordiniert Lenkwaffen-Einsätze mit den eigenen Jagdflugzeugen. Mirage und Bloodhound ergänzen sich ideal. Die Rakete zeichnet sich durch hohe Störfestigkeit aus, es ist eine modernisierte Waffe, die mit der ursprünglich beschafften Rakete nur noch Name und Äusseres gemeinsam hat. Von den Schweden können zusätzliche Raketen übernommen werden.

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Bloodhound ungeeignet für Lenkwaffen-Abwehr
Die Planung sah den Einsatz von BL-64 bis ins Jahr 2005 vor. Der aufwendige Unterhalt des inzwischen 35-jährigen Systems und die Tatsache, dass mit Bloodhound keine Möglichkeit besteht, Boden-Boden- und Luft-Boden-Lenkwaffen wirksam zu bekämpfen, dazu der enorme Spardruck machten im Oktober 1997 eine Neubeurteilung der Lage nötig. Beschlossen wurde eine schrittweise Ausserdienststellung, die Ende 1999 abgeschlossen ist. Damit können jährliche Einsparungen von rund 15 Mio Franken erzielt werden.

Betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in das Luftraumüberwachungsprojekt Florako übernommen, das Gros des Lenkwaffenregiments 7 ins Drohnengeschwader 7 überführt. Dieses neue Geschwader ist für Einsatz und Betrieb der Aufklärungsdrohne 95 (ADS 95) verantwortlich.

Die ehemalige Bloodhound-Stellung ZG auf dem Gubel oberhalb Menzingen ist als Lenkwaffenmuseum erhalten geblieben und im Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Interessierte wenden sich an den Bloodhound-Spezialisten Fredy Flückiger, Tel: 041 280 38 57.